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Berzona gestern und heute

Ein kleines Bergdorf an der Südflanke des Valle Onsernone: eine Kirche mit imposantem freistehendem Kirchturm, eine Gruppe von Häusern mit traditionellen Steindächern in den Hang gebaut, umgeben von Terrassen und Kastanienwäldern, einem Adlernest gleich auf einem Sporn oberhalb der Talstrasse.

Berzona – ein schützenswertes Natur- und Kulturdenkmal, Zeugnis der agropastoralen Subsistenzwirtschaft und der für das Onsernone typischen Strohmanufaktur, ökonomisch und kulturell geprägt von der (saisonalen) Emigration, dem entsprechenden intensiven Austausch mit dem Ausland sowie im letzten Jahrhundert von Entvölkerung und Zuwanderung bekannter Persönlichkeiten des europäischen Kulturlebens. In Berzona, dem „Schriftsteller-Dorf“, lebten und arbeiteten u.a. Max Frisch, Alfred Andersch, Golo Mann, Jan Tschichold.

Die Charakteristika des Ortsbildes von Berzona konnten bewahrt werden, Häuser und Wege sind in traditionellem Stil gut unterhalten, die terrassierte Umgebung ist unverbaut. Berzona ist eingetragen im eidgenössischen Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS). Zu schützen und zu nutzen nicht nur aus soziokulturellen, sondern auch aus sozioöko­nomi­­schen Gründen zum Beispiel im Rahmen eines sanften Tourismus (insbesondere auch Kulturtourismus).

Metamorfosi

Vom Hutmacher- zum Schriftstellerdorf

Auszug aus «Onsernone gestern und heute: Transformationen im 20. Jahrhundert». Ein digitales Handbuch des Museo Onsernonese. 

© Museo Onsernonese

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Der Niedergang der traditionellen Subsistenzwirtschaft und der Strohmanufaktur haben einschneidende Folgen für das kleine Berzona: Dauerhafte Emigration, saisonale Arbeitsmigration, Bevölkerungsrückgang, Überalterung, Aussterben noch ansässiger Patrizierfamilien, Niedergang der traditionellen Dorfgemeinschaft und der lokalen Kultur.

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Das Dorf, die Wohn- und Wirtschaftsgebäude und Maiensässen werden nach und nach verlassen. Einige Häuser bleiben im Besitz (emigrierter) Berzoneser oder Onsernoneser  Familien (Bianchini, Nottaris, Rapetti, Regazzoni, Remonda, Schira), zahlreiche Gebäude zerfallen und hinterlassen erkennbare Lücken im Dorfbild, der überwiegende Teil  wird bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verkauft.

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Anfang 20. Jahrhundert bilden 50-55 Gebäude den Dorfkern von Berzona. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts sind circa 20% davon zerfallen und aus dem Dorfbild verschwunden. Anfang zwanzigstes Jahrhundert wird mitten im Dorf, an Stelle mehrerer Häuser – u.a. einer Strohmanufaktur, wie erzählt wird – das imposante Gemeinde- und Schulhaus errichtet. Von den 34 verbleibenden Wohnhäuser sind 17 (ca. 50%) an Ortsfremde verkauft. 

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Die Erfahrung ist traumatisch und bedarf der “Erklärung”. Gemäss Enrico Regazzoni hat der ewige Jude bei seiner letzten Wiederkehr Berzona als das sündigste Dorf verflucht und die Berzoneser Patrizierfamilien dazu verdammt, keine männlichen Nachkommen mehr zu bekommen. Erzählt wird auch, dass ein aus dem Dorf verjagter Priester Berzona verflucht und prophezeit habe, dass kein Patrizier mehr im Dorf wohnen werde... und wirklich, die Verbleibenden waren Bürger anderer Talgemeinden.

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Die Zuwanderer der ersten Generation, bis Mitte des 20. Jahrhunderts, sind aus dem Locarnese, aus Zürich, Basel, häufig mit Migrationshintergrund, viele direkt oder indirekt mit Ascona, Monte Verità und untereinander verbunden, oft Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler, Weltbürger. Die Besonderheiten von Berzona ermöglichen es ihnen, hier vorübergehend oder dauerhaft ihr Refugium, ihren Ort der Inspiration, der Ungebundenheit, der Freiheit zu finden.

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Dank ihren Ressourcen werden die Häuser sanft renoviert, die Grundstücke gepflegt, die Charakteristika des Orts- und Landschaftsbildes erhalten. Arbeit und Einkommen für das Dorf und das Tal.

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Es entwickelt sich eine “alternative” Gemeinschaft  der “Wahl-Berzoneser”, vernetzt mit anderen “Immigranten” des Tales, überwiegend in Koexistenz und Kooperation mit der autochthonen Bevölkerung – nicht ohne einzelne Reibungs- und Konfliktpunkte.

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Ab Mitte des 20. Jahrhunderts werden die Häuser in der Familie oder im eigenen Netzwerk weitergegeben. Weitere Einwohner ziehen weg oder sterben, weitere Häuser werden verkauft. Neue Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler, Weltenbürger finden hier ihr Refugium. Die Schriftsteller Max Frisch, Golo Mann, Alfred Andersch machen Berzona weltweit bekannt.

Einige Pioniere eines “alternativen” Berzona